Dabei mit Stein

Holger hatte einen dieser neumodischen Jobs, oder wie die Ratgebersendungen zelebrierten: einen Job des heutigen modernen Menschen. Er war Sitzer. Ja, er saß ganze acht Stunden und manchmal auch mehr. Sogar die Mittagspause verbrachte er im Sitzen. Wer isst auch schon im Stehen? Nur manchmal zwang ihn die Kaffeemaschine zu einigen wenigen…anstrengenden… Schritten.

Eben jene Ratgebersendungen warnten! Ungesund! Die Bandscheibe, ohja, oh Gott, oh schlimm… die Bandscheibe!!! Holger war nicht dumm und gewiss nicht ignorant. Als Diplom-Sitzer wusste er, dass was zu tun… getan werden muss… theoretisch wäre es ja nötig… nun ja, irgendwie schaffte er es tatsächlich, Neujahr mit jeder Menge guter Vorsätze in einen dieser Geräteschuppen zu trotten.

Und einen Monat später wieder raus.

„Fehlt die frische Luft. Bin ja schon den ganzen Tag drinne.“

Da kam eines Tages der Fensterputzer zu den Diplom-Sitzern. Während Holgers Kollegen alle konzentriert an ihren Schreibtischen saßen, um ihre Deadline einzuhalten, schaute er mit Neid und Interesse auf den sehr breit nach oben auslaufenden Rücken des Saubermanns. Er schien beinahe das ärmellose Shirt zu sprengen. Holger konnte nicht mehr an sich halten:

„Wie machen Sie das?“

„Schau her!“

Er nahm den Eimer und krachte ihn auf den Tisch. Etwas Wasser schwappte über den Rand. Der Fensterputzer griff sodann an seine rechte Pobacke und zauberte ein blau-weiß kariertes Handtuch hervor. Sanft streichelte er damit den Tisch.

„Wow.“

Der Fensterputzer zwinkerte nur.

Beeindruckt von dieser Schau überlegte Holger lange. Ja, die ganze Nacht, die er ausnahmsweise im Liegen verbrachte. Etwas Schweres musste her und scheinbar musste man eine aufrechte Haltung einnehmen.

Die frühen Vögel und Hundebesitzer waren etwas irritiert, als eines morgens in der Dämmerung ein Schatten mit erhobenen Armen auf sie zukam. Mit verbissenen Lippen hielt er einen Stein über seinen Kopf.

Es dauerte nicht lange, und ein Kamerateam tauchte mitsamt Ü-Wagen auf, um den seltsamen Frühsportler abzufangen. Einer der frühen Menschen-Vögel muss einen Reporter von „Ich bin ein Sitzer und brauch ein neues Leben“ angerufen haben. Ulla Umbrella, die Anchor Frau der Reality Show baut sich samt Kameramann vor dem Steinträger auf. In ihrem schwarzen, eng anliegenden, weit ausgeschnittenem Kostüm wirkt sie in der tristen Satellitenstadt wie eine Domina beim Aldi.

„Guten Morgen. Was treiben Sie hier“, trällert sie dem Steinträger entgegen. Der Kameramann neben ihr bringt sich in Stellung und richtet sein schweres Objektiv auf den Mann. Der strauchelt eine Sekunde, fängt sich aber schnell und keucht: „Ich trag zwar nicht die Welt auf Händen, aber irgendwo muss man ja anfangen.“ Er streckt seinen Rücken nochmal durch, richtet sich auf und marschiert aufrechten Ganges an der verblüfften Skandal Tussi vorbei.

© Martin Grötzschel / Jan Gütter

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