Gedanken zu “Pegida”

Eigentlich ist dieser Blog nicht dazu da, um politische Ansichten zu teilen oder zu diskutieren, sondern um mit Fotos ein Bild von dieser Welt zu zeichnen. Und das in weiten Teilen ganz und gar unpolitisch (wenn Bilder das überhaupt sein können.) Doch die Entwicklungen der letzten Wochen und Monate in Dresden, meiner Heimatstadt, in der sich von Woche zu Woche mehr Menschen vor den Karren einer nur schlecht kaschierten rassistischen und menschenfeindlichen Kampagne spannen lassen, gebieten Einspruch und Widerspruch auch und vor allem mit Worten.

Auch wenn Fakten gegen Polemik scheinbar machtlos sind, sind sie doch die einzige Hoffnung, Menschen, die von dumpfen Ressentiments auf die Straße gelockt werden, davon zu überzeugen, dass sie für die falschen „Ziele“ auf die Straße gehen.

Leider finden sich auf den Seiten der Pegida keinerlei Informationen zu Programm, Positionen oder Zielen, mit denen man sich sachlich auseinander setzen könnte*, also habe ich mir einmal die Zeit genommen und eine Rede von Alexander Heumann angehört, gehalten auf einer Demo der „Dügida“ (http://pegida.de/category/muenchen/unsere-reden-muenchen/):

„Warum sind wir gegen die Islamisierung des Abendlandes? Nur der Islam kennt den Zwang. Nur im Islam kann der Abfall vom Glauben tödliche Folgen haben. Das lässt sich mit dem Grundgesetz und Menschenrechten nicht vereinbaren.”

⇒ Wer hier lebt, muss sich an das Grundgesetz halten. Das gilt für alle unabhängig von Religion und Weltanschauung. Wer das nicht tut, wird von unserem Rechtsstaat zur Verantwortung gezogen. Wo ist der Handlungsbedarf?

“Und deswegen fordern wir Freiheit, Gleichheit und Toleranz aller Menschen vor dem Gesetz unabhängig vom Glauben, denn nur so können wir uns das Europa der Zukunft vorstellen und nicht anders.”

⇒ Bravo! Steht leider in krassem Widerspruch zu „Ziel“ Nummer 1.

“Die Islamisierung ist Ursache und Symptom für den drohenden Untergang des Abendlandes.”

⇒ Wo findet in Dresden/Sachsen eine Islamisierung statt? In Sachsen sind 0,1 Prozent der Bevölkerung Muslime. In Dresden gibt es mit Stand vom Oktober dieses Jahres 1940 Asylbewerber. Rechnet man den sachsenweiten Anteil Muslime auf die 500 000 Einwohner Dresdens herunter, sind es also 50 Muslime, die in Dresden den Untergang des (nicht weiter definierten) Abendlandes herbeiführen?

⇒ Die islamische Gemeinde in Dresden bekennt sich ausdrücklich zum Dialog mit anderen Religionen und lebt diesen: http://izdresden.de/dialog.php

⇒ In ganz Sachsen gibt es drei Moscheen. Diese stehen mehr als 80 christlichen Kirchen gegenüber.

⇒ Wo ist also der Handlungsbedarf und wie soll er genau aussehen?

„Die 68er Revolte brachte uns den Radikalfeminismus und ein allzu negatives Bild einer Frau, die sich für Familie und Kinder entscheidet. Die war dann immer die komische, die nicht beachtet wurde.“

⇒ Für ewig Gestrige, für die eine Frau hinter den Herd gehört und ausschließlich für die Familie zuständig ist, erscheint das Konzept der Gleichberechtigung sicher radikal. Ebenso fehlen Belege dafür, dass Frauen, die sich für Familie und Kinder entscheiden als „komisch“ angesehen und nicht beachtet werden?

⇒ Für diejenigen Frauen, die sich für Kind und Familie und gegen den Beruf entscheiden, gibt es seit dem 1. August dieses Jahres Betreuungsgeld, die so genannte Herdprämie.

⇒ Was hat all das mit einer Islamisierung des Abendlandes zu tun? Entspricht das geforderte Frauenbild nicht eher den Rollenvorstellungen des Islam?

⇒ Wo ist der Handlungsbedarf?

„Danach kam das totalitäre Gender Mainstreaming, das uns eine neue beknackte Sprache bescherte, die kein Mensch braucht. Schon Kinder sollen jetzt umerzogen werden mit Schulbildungsplänen zu ihrer Frühsexualisierung. Was ist das alles für’n komisches Zeugs?“

⇒ Was hat Gender Mainstreaming (zu Deutsch: Geschlechtergerechtigkeit) mit der Islamisierung des Abendlandes zu tun?

⇒ Was bedeutet „Gender Mainstreaming“ überhaupt? Artikel 3 Abs. 2 des Grundgesetzes (GG) bestimmt: “Männer und Frauen sind gleichberechtigt”. Darüber hinaus nimmt es den Staat ausdrücklich in die Pflicht, “die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern” zu fördern und “auf die Beseitigung bestehender Nachteile” hinzuwirken (Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG).

⇒ Man kann sicher über Auswüchse geschlechtergerechter Sprache diskutieren. Aber Ressentiments auf Stammtisch-Niveau über die übermäßige Verwendung von „-Innen“ als Argument zu verwenden, um das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit insgesamt in Frage zu stellen, ist purer Populismus, reaktionär, menschen- und verfassungsfeindlich.

„Und danach kam die Wiedervereinigung Deutschlands. Man hat uns sofort die D-Mark weggenommen. Und seither hat man uns mit dem Euro und dessen Rettung betrogen.“

⇒ Man mag aufschreien: „welches Stammtischthema kommt eigentlich als nächstes unter dem Deckmäntelchen der ‚Islamisierung‘?“

„Und dann kommt das was man noch oben drauf sattelt, was ich mal vorsichtig unzureichend kontrollierte Zuwanderung nennen möchte und auch einige Probleme hier schafft.“

⇒ Dresden muss im Jahr 2014 insgesamt 1600 Asylbewerber neu unterbringen.

⇒ Diese bleiben im Schnitt 15 Monate in der Landeshauptstadt.

⇒ Wie äußert sich also „unzureichend kontrollierte Zuwanderung“? Wo ist der Handlungsbedarf? Wie soll er genau aussehen und was soll er genau verhindern/vermeiden?

„Warum werden nicht 145 000 rechtskräftig abgewiesene Asylbewerber konsequenter abgeschoben?“

⇒ Dafür gibt es bestehende Gesetze. Erst im November ist das Asylgesetz verschärft worden: drei neue Länder sind in den Katalog sicherer Herkunftsstaaten aufgenommen worden (Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina). Asylanträge aus diesen Staaten können sofort abgelehnt werden.

⇒ Im Übrigen steigen die Zahlen der abgeschobenen Asylbewerber seit Jahren deutlich (2013: 10 200, 2012: 7 600).

⇒ Die Quote der positiv beschiedenen Asylanträge liegt 2014 (Januar bis November) bei 29,8% (113.636 Anträge, davon 33.813 positiv beschieden); die Ablehnungsquote liegt bei 33,7%

⇒ Wo ist der Handlungsbedarf?

„Wir können ja nun nicht alle Wirtschaftsflüchtlinge dieser Welt dauerhaft aufnehmen. Und warum nicht? Weil es auch hierzulande Menschen gibt, die in Not sind. Alte Menschen, die dieses Land aufgebaut haben und jetzt ihre Pflegeheime räumen müssen für Asylbewerber. Das ist sozial ungerecht.“

⇒ Es gibt in Deutschland kein Recht auf Asyl für Wirtschaftsflüchtlinge. Jeder, der das Gegenteil behauptet, betreibt dumpfe Polemik.

⇒ Altersarmut ist das Ergebnis der Lohnentwicklung, der Rentenreform und letztlich einer verfehlten Rentenpolitik der vergangenen 40 Jahre. Hat aber nicht im Geringsten etwas mit Asylpolitik zu tun.

⇒ Zum ewig zitierten Pflegeheim in Hamburg Bahrenfeld, das angeblich für Flüchtlinge geräumt werden sollte: Der Eigentümer des Pflegeheimes selbst ist an die Stadtverwaltung herangetreten und hat das Objekt als Asylbewerberheim vorgeschlagen: „Tatsächlich war Pflegen&Wohnen offensichtlich an die Behörde herangetreten und hatte die Gebäude 2 und 3 des Heims am Holstenkamp 119 für Flüchtlingsunterkünfte direkt angeboten. Das 2007 privatisierte Pflegeheim-Unternehmen begründet den Schritt mit der mangelnden Wirtschaftlichkeit des Heims. Trotz “größter Anstrengungen” sei der hohe Versorgungsstandard für die Bewohner nicht mehr wirtschaftlich realisierbar, heißt es in einer Mitteilung. Es gebe dort zu viele bauliche Beschränkungen.“ (Hamburger Abendblatt, 19.2.2014)

„Wir sind eine neue Volksbewegung. Wie 1989. Und mehr noch. Wir sind die Guten.“

⇒ Diese Beleidigung aller (mich eingeschlossen), die 1989 auf die Straße gegangen sind, um für Freiheit zu kämpfen, die jetzt die Freiheit anderer einschränken wollen, lasse ich unkommentiert stehen, denn sie offenbart den eigentlichen Geist dieser „Bewegung“. Dazu nur soviel: Eine andere Maxime von 1989 hieß: “Freiheit ist immer die Freiheit der anders Denkenden”. Ich erweitere diesen im aktuellen Kontext zu: “Freiheit ist immer die Freiheit der anders Denkenden und Lebenden.”

*Anmerkung des Autors: Mittlerweile hat Pegida ein Positionspapier veröffentlicht, das in 19 Punkten die Ziele der Bewegung definieren soll: http://www.menschen-in-dresden.de/wp-content/uploads/2014/12/pegida-positionspapier.pdf. Leider stehen der Harmlosigkeit dieses Papiers nach wie vor die aufpeitschenden und fremdenfeindlichen Parolen auf den Pegida Veranstaltungen entgegen. Insofern behält oben gesagtes Gültigkeit.

Links:

Tagessätze Asylbewerber:
http://www.fluechtlingsinfo-berlin.de/fr/asylblg/Tabelle_AsylbLG_BVerfG_2014.pdf

Statistiken zum Asyl:
http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/statistik-anlage-teil-4-aktuelle-zahlen-zu-asyl.pdf?__blob=publicationFile

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3 Comments

  1. Ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder scheint Gender Mainstreaming schon zu sein. Zum Beispiel das Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig wird. Vergessen der für Sprach- und Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib (Muttersprache nicht Vatersprache!). Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4]

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Die von Ihnen angesprochenen Auswirkungen einer Vernachlässigung der Rolle der Frau/Mutter bei der Erziehung teile ich. Allerdings sehe ich den Zusammenhang zu “Gender Mainstreaming” nicht. Ich denke, hier gibt es eine negative Belegung des Begriffes, die die eigentliche Definition gar nicht hergibt. Denn im Kern bedeutet Gender Mainstreaming Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau (im Alltag, in der Familie, im Beruf etc.) und auch, dass man Kinder während der Erziehung nicht in vorgefertigte (von der Gesellschaft über Jahrhunderte geprägte) Rollen zwängt, wenn dies nicht ihren Wünschen/Neigungen etc. entspricht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Warum sollte ein Junge nicht mit Puppen spielen dürfen, nur weil er ein Junge ist, obwohl es eigentlich “Mädchensache” ist. Und umgekehrt, warum sollte ein Mädchen nicht mit Traktoren spielen? Letzten Endes geht es doch darum, dem Individuum unabhängig vom Geschlecht die Möglichkeit zur freien Entfaltung nach seinem eigenen Willen zu geben. Um nicht mehr und nicht weniger.

      Vielleicht können Sie dahingehend Ihren Kommentar noch einmal erläutern?

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    2. Die Befunde aus der oben angeführten und höchst tendenziösen Literatur sind nicht wissenschaftlich belastbar. Die entsprechenden Beobachtungen, die an der physischen Verfasstheit menschlicher Organismen zitiert werden, sind nicht auf ein pädagogisches Programm in Zusammenhang mit den Gender-Theorien zurückzuführen. Tendenziös und sachlich falsch sind die Behauptungen deshalb, weil sie

      1) suggerieren, hinter dem Begriff „Gender-Mainstreaming“ stünde ein messbares Konstrukt. In diesem Falle müsste eine Studie über Faktoranalyse ausweisen, wie viel der Varianz psychosomatischer Erscheinungen die Faktoren erklären könnten. Das ist niemals geschehen. Zudem ist der Begriff „Gender-Mainstreaming“ bereits sachlich falsch, weil die Gender-Theorien eben eine gesellschaftliche Hegemonie dualistischer Geschlechterordnungen in Frage gestellt hat und dies weiterhin tut. Strömungen, die letztgenanntes zu erhalten suchen, versuchen eben auch diese konsensuale Hegemonie zu erhalten und sind damit Bewahrer des Geschlechter-Mainstreams eine dualistischen Ordnung, nicht Anfechter eines Mainstreams. Der Begriff des „Gender-Mainstreams“ stellt nicht nur die Verhältnisse von den Füßen auf den Kopf, sondern auch die soziale Wirklichkeit, weil keineswegs eine verbreitete Verwirrung über Geschlechtszugehörigkeiten zu beobachten ist.

      2) Die diesbezügliche Literatur erfindet aber nicht nur einfach eine unabhängige Variable, sie lässt darüber hinaus andere Variablen außer Acht. Dazu gehören z.B. a) der Wandel hin zur Medien- und Kommunikationsgesellschaft mit rasanten Informations- und Bilderströmen, b) ökonomische Durchdringung des Alltags und sich verknappender Zeitressourcen, c) Technisierung und Mobilisierung, d) Identitässtiftung über Konsum und den Warenfetisch usw. Völlig ungeprüft bleibt, ob vielleicht in diesen Bereichen die Ursachen für psychische Belastungen in der frühkindlichen Entwicklungszeit liegen. Hinzu tritt, dass eine verbreitete Beobachtung der kindlichen psychosozialen Welt erst in den vergangenen 20 Jahren erfolgte, sodass keine Längsschnitt-Daten seit Wirkungsbeginn von Gender-Theorien (60/70er Jahre) im pädagogischen Bereich vorliegen.

      3) Die angeführte Literatur begeht demnach nicht nur schwere Fehler, aus denen sie falsche Schlüsse zieht, sie verfällt auch in einen trügerischen Biologismus, der behauptet, es bestünde nicht nur ein Zusammenhang zwischen physiologischer bzw. natürlicher Beschaffenheit menschlicher Individuen und kulturellen Erscheinungsformen der Geschlechtlichkeit, sondern darüber hinaus kultureller Hierarchien. Interkulturelle Studien belegen aber, dass sowohl gesellschaftliche Hierarchien wie auch kulturelle Ausprägungen geschlechtlicher Erscheinung höchst variabel sind, trotz gleicher biologischer Voraussetzung. Dies spricht dafür, dass der Zusammenhang – wenn überhaupt – nur schwach ist. Die Rückführung gesellschaftlicher Ordnungen auf die Biologie hingegen strebt an, eine Herrschaftsstruktur durch die Unveränderbarkeit der natürlichen Bedingungen zu zementieren. Die Argumentationsform, es bestünde ein Zusammenhang zwischen biologischen Dispositionen und gesellschaftlichen Hierarchien und Ordnungen sowie Ausprägungen der Erscheinungen von Geschlechtlichkeit, war nicht nur die Begründung für eine mangelnde Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, sondern auch für die Rassentrennung in den USA und Südafrika und der Rassenideologie der Nationalsozialisten.

      Der Titel der oben angeführten Literatur verwendet nun auch mit „Mainstream“, „Ideologie“ und “Vergewaltigung” ein unwissenschaftliches und übertrieben reißerisches Vokabular, er kündigt auch an, die Irrtümer aufzeigen zu wollen. Das bedeutet auch, wir haben es nicht mit einer ergebnisoffenen Befassung zu tun, sondern mit einer Argumentation für eine bestimmte Richtung. Es kann vermutet werden, dass die oben genannten methodischen Mängel entweder in Kauf genommen wurden oder wir es mit bewussten Verfälschungen zu tun haben, um die eigene Ansicht des Verfassers zu belegen. In der Regel gehen so nur Autoren vor, die selber eine Ideologie zu verteidigen suchen und voreingenommen sind.

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